„Freundschaftsdienst“ vom 5.12.2017

Hallo … guten Tag,

ich fühle mich ein wenig unsicher …
Vielleicht fangen wir einfach mal ganz formell an – ich sage Euch, wer ich bin und was ich hier mache:

Mein Name ist Brian. Ich wohne im Moerser Tierheim und ich mag ein sehr ruhiges und strukturiertes Leben, weshalb mir das hier jetzt gar nicht behagt … aber ich tue es für einen Freund!

Viele von Euch werden schon wissen, dass Atreju das Tierheim über die Regenbogenbrücke verlassen hat – was die meisten sicher nicht wissen, ist, dass er schon länger wusste, dass das sein Weg sein würde. Wir Tiere spüren es, wenn unsere Kräfte nicht mehr zum Leben reichen. Wir haben beide auf der Wiese gewohnt und er hat schon vor ein paar Wochen zu mir gesagt: „Brian, das wird hier kein gutes Ende nehmen. Alle haben so um mich gekämpft und ich habe alles gegeben, um wieder gesund zu werden, aber ich bin am Ende meiner Kräfte und ich möchte, dass Du, Brian, meinen Freunden da draußen noch ein paar Dinge von mir sagst, wenn ich meinen letzten Weg angetreten habe.“

Deshalb schreibe ich das hier nun, weil ich meinem Weggefährten diesen Wunsch erfüllen möchte. Wir waren keine so richtigen Buddies, die zusammen auf der Wiese getobt haben, aber wir haben uns sehr respektiert und waren einander auch wichtig. Die gemeinsame Zeit auf der Wiese hat dieses zarte Band stärker gemacht und es macht auch mich sehr traurig, dass mein Wiesenkumpel nun nicht mehr zu mir herüber schauen kann. Ich habe seinen Krankheitsverlauf mit allen Höhen und Tiefen miterlebt und habe all die Sorge und Fürsorge, die ihm entgegen gebracht wurde, gespürt.

Natürlich habe ich auch gespürt, dass sein letzter Gang nicht mehr fern war und einmal habe ich ihn gefragt: „Sag mal, Atreju, merken Deine Menschen gar nicht, dass sie den Kampf gar nicht mehr gewinnen können?“ Und er antwortete: „Nein, Brian, Menschen können das nicht spüren oder riechen wie wir Tiere – sie hoffen und wollen nicht loslassen, aber ich vertraue darauf, dass sie zum richtigen Zeitpunkt die richtige Entscheidung treffen werden und mich nicht leiden lassen.“

Danach gab es nicht mehr viel zu sagen und ich habe ihm – verbunden durch unsere Wiese – beigestanden.

Atreju sollte recht behalten: als klar war, dass es für ihn keine Medizín mehr gab, die helfen konnte, wurde ihm weiteres Leid erspart. Er musste seinen letzten Weg nicht alleine gehen – seine Pfote wurde gehalten und sein Kopf gestreichelt. Und auch, wenn wir Tiere die große Traurigkeit spüren, wissen wir, dass diese Traurigkeit der Ausdruck von unglaublich tiefer Zuneigung ist und dieses Gefühl nehmen wir mit über die Regenbogenbrücke … das kann uns niemand mehr nehmen.

Atreju sagte auch noch zu mir, dass es bestimmt viele geben wird, die sagen werden „oh nein – der arme Hund, er ist nicht mehr aus dem Tierheim raus gekommen …“ Er hat mich gebeten, all denen, die diesen Gedanken haben, seine Worte mitzuteilen: „Ich kam vor über einem Jahr in dieses Tierheim und dachte eine ganze Zeit, dass das der schlimmste Ort für mich ist. man hatte mich aus meinem alten Zuhause entwurzelt und in einen Käfig geworfen. Ich war lange Zeit wütend und wollte keinen richtigen Kontakt … aber viele Menschen haben sich um mich bemüht und ihre Bemühungen und ihre Zuneigung waren so ehrlich, dass ich mich dem nicht entziehen konnte. Ich dachte so für mich, na dann mach ich halt das Beste draus und schau mal, was sie so mit mir machen … Und was soll ich sagen, das Tierheim wurde mehr und mehr ein Zuhause für mich … und zwar nicht, weil auf einmal alles toll war, sondern weil ich erkannt habe, dass ein Zuhause nicht dort ist, wo man neben einem Sofa liegen darf, sondern dort, wo man einen Platz im Herzen hat. Und ich hatte hier viele Plätze in vielen Herzen.“

Ich verstehe absolut, was er damit meinte. Natürlich ersetzt ein Tierheim nicht das Gefühl, ein vollwertiges Mitglied in einem Rudel / einer Familie zu sein – einfach, weil der Tagesablauf und die Rahmenbedingungen anders sind, aber es kann ein Zuhause werden, weil man Menschen findet, die es dazu machen. Mir geht es genau so. Ich weiß nicht, ob ich nochmal ein Zuhause außerhalb des Tierheims finden werde – das ist ja in meinem Fall etwas schwierig, aber auch ich habe hier Menschen, die aus dem Tierheim mein Zuhause gemacht haben.

So, ich glaube ich habe Euch nun alles erzählt, was Atreju Euch noch wissen lassen wollte. Ich werde hier übrigens nicht nochmal schreiben. Soviel Aufmerksamkeit mag ich gar nicht und ich habe es dieses eine Mal aus reiner Wertschätzung gegenüber meinem Kumpel gemacht. Aber glaubt mal, dieser Spitz war wirklich schlau und loyal … ich bin mir ziemlich sicher, dass er irgendwie auch noch dafür gesorgt hat, dass Ihr auch künftig noch Geschichten aus dem Tierheim hören werdet.

Mir bleibt jetzt nur noch zu sagen: „Run free, mein Freund! Ich werde unsere Streitereien am Zaun ebenso vermissen, wie unsere gemeinsamen Spaziergänge, die wir ab und zu machen konnten, bevor Du krank wurdest.“

Damit verabschiede ich mich auch von Euch. Haltet die Erinnerung an Atreju in Ehren …

So long

Euer Brian