Schichtwechsel

Hallo … ich grüße Euch, mein Name ist Paula und anscheinend ist es nun an mir, Euch mit Informationen zu versorgen.

Zuletzt hatte ja Atreju diese Aufgabe übernommen, aber wie Ihr wisst, hat Atreju den Weg über die Regenbogenbrücke genommen. Da ich ihn bei seinem Job diverse Mal schon unterstützt habe, habe ich dieses Projekt nun zur Chefsache erklärt … auch wenn meine Fülle an Aufgaben und Verantwortung mir dafür eigentlich keinen zeitlichen Spielraum lassen.

Für die, die mich noch nicht kennen: ich lebe im – wie es gemeinhin genannt wird – Tierheim Moers und bin das, was Ihr Zweibeiner eine Hofkatze nennt. Zumindest ist das die Umschreibung, die sich für Eure Ohren vermutlich verständlich anhört – tatsächlich verhält es sich aus tierischer Sicht etwas anders: ich bin die Managerin eines Hotels für temporär hilfebedürftige Tiere jeder Art. Diese Formulierung sollte schon deutlich machen, dass ich einen mehr als gefüllten Arbeitstag habe … ach, was heißt Arbeitstag … das ist nun wirklich kein „nine to five Job“ – vielmehr eine 24/7 Tätigkeit!

Damit Ihr Euch das alles etwas besser vorstellen könnt, will ich Euch einen kleinen Einblick gewähren. Als Managerin bin ich sowohl für meine Gäste als auch für das Personal zuständig. Meine Gäste sind natürlich allesamt Tiere … während das Personal ausschließlich aus Zweibeinern besteht.

Personalführung ist eine sehr anspruchsvolle Tätigkeit, die Durchsetzungsvermögen, Fingerspitzengefühl und viel Geduld erfordert. Ich möchte Euch an dieser Stelle anvertrauen, dass ich manches Mal der Verzweiflung sehr nahe bin. Ein paar Beispiele …

Ich speise nicht mit den Gästen, ich habe einen eigenen kleinen Speisesaal. Natürlich ist das Personal zuständig für mein leibliches Wohl … das versteht sich ja von selbst … ich habe kaum Zeit, mich selbst darum zu kümmern. Leider läuft das nicht zufriedenstellend. Es scheint irgendwo eine Arbeitsanweisung zu geben, die besagt: Dame Paula bekommt zwei Mahlzeiten pro Tag. Ich weiß nicht, wo diese Anweisung her kommt, aber sie ist einfach nicht aus den Köpfen des dosenöffnenden Personals heraus zu bekommen. Tagtäglich – wirklich absolut jeden Tag – erkläre ich, dass ich speisen möchte, wann immer mir danach ist und dass ich schon mal gar nichts fresse, was länger als 15 Minuten auf meinem Teller liegt. Das Fingerspitzengefühl habe ich bei dieser Thematik komplett abgelegt – hier ist nur noch Durchsetzungsvermögen und offensichtlich leider auch Geduld gefragt. Zumindest klappt es inzwischen, dass ich regelmäßig meine Katzenmilch bekomme – dass ich die für mein Seelenheil brauche, haben inzwischen alle verstanden.

Ein anderes großes Thema ist die Sache mit den Türen … jedes anständige Hotel verfügt über einen Doorman und ich kann Euch versichern: das hier ist ein mehr als anständiges Hotel! … ABER … mein Doorman scheint die meiste Zeit des Tages nicht auf die Türen zu achten, durch die ich hindurch gehen möchte. Hier scheint sich der Gedanke verfestigt zu haben, dass ich einfach durch die sogenannten Katzenklappen gehen könnte

Ich weiß, dass ich von meinem Personal nicht den überdurchschnittlichen Einsatz erwarten kann, den ich hier einbringe – deshalb brauchen sie nachts nicht arbeiten. Da dann ja logischerweise auch niemand die Türen öffnen kann, wurden diese entwürdigenden Katzenklappen eingebaut. Aber tagsüber? Ich bitte Euch … da muss doch jemand die Türe öffnen, wenn ich hindurch möchte. Für mich absolut unverständlich und inakzeptabel.

Ich will mich nicht nur beschweren … sie tun auch wirklich nette Dinge für mich. Mein Büro ist ja im Katzenhaus und erst kürzlich habe ich ein neues Chefbett bekommen und eine eigene Wärmesonne …das ist so schön und wohltuend, dass ich manchmal fast vergesse zu arbeiten.

Und auch um die Gäste kümmern sie sich alle wirklich gut. Da lasse ich nichts auf mein Personal kommen!

Von meinen Gästen muss ich Euch aber auch noch schnell erzählen. Wie gesagt – ich betreibe ein Hotel für hilfebedürftige Tiere … nicht nur Katzen … alle Tiere. In Notsituationen gibt es keine Rivalitäten zwischen Katzen und Hunden oder Katzen und Mäusen … da halten wir einfach zusammen und jeder ist willkommen. Im vergangenen Jahr haben wir sogar extra Räume umgebaut, damit Hähne und Minischweine hier wohnen konnten.

Und auch unser Serviceangebot ist großartig. Ich will nicht hochstapeln, aber man könnte schon fast Wellness-Hotel sagen … es gibt hochwertige und abwechslungsreiche Mahlzeiten. Unsere Wintergäste, die Igel, bekommen sogar täglich einen komfortablen Transport zum Wiegen … da müssen sie nicht selber laufen … und für alles, wozu das Personal aufgrund der vielen Aufgaben nicht mehr soviel Zeit hat, gibt es noch Zweibeiner, die nur dafür da sind, die Freizeit unserer Gäste zu bereichern: sie gehen mit Hunden spazieren oder kuscheln mit Katzen.

Unsere Gäste fühlen sich so wohl, dass sie uns bei unserer Arbeit unterstützen. Kennt Ihr Hexe? Ein großartiger Gast … 1a in den Themen Mitarbeiterschulung! Ungeduldige und ungeschickte Zweibeiner schicke ich alle in Hexe´s Seminare. Wenn einer Grenzen unmißverständlich aufzeigen kann, dann sie! Hexe hat klare Regeln: nicht über den Rücken streicheln, nicht bedrängen und äußerste Zurückhaltung … hält sich jemand nicht daran … Zack … sofort wird diese Regel untermauert und durch Konsequenzen gefestigt. Ich glaube von ihr könnte ich auch noch was lernen …

Na ja, und auch Atreju, der Euch einige Monate mit Geschichten aus diesem Hotel (er nannte es so wie Ihr Tierheim – aber was soll man von einem Hund auch erwarten) versorgt hat, war ein Gast.

Ihr seht, wir  sind hier ein eingespieltes Team und jeder – egal wie lange er hier verweilt – ist ein Teil des Teams. Jetzt, wo ich diesen Job hier mache, seid auch Ihr ein Teil des Teams.

Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit und bis zu den nächsten Hotel-News wünsche ich Euch alles Gute!

Mit sehr freundlichen Grüßen

Dame Paula