Ein Zuhause suchen statt „los werden“

Hallo Ihr Lieben,

die Tage und Wochen ziehen so schnell vorbei und es passiert so viel Unglaubliches, dass ich aus dem Schreiben gar nicht mehr heraus käme, wenn ich nur mehr Zeit hätte …

Es gibt da ein Thema, das mir schon längere Zeit immer wieder durch den Kopf schwirrt und mir auch ein bisschen Bauchschmerzen bereitet. Um da zum Kern der Aussage zu kommen, muss ich etwas ausholen – passiert mir ja zum Glück nicht so häufig 😉

Ihr wisst ja, dass wir unsere Hotelgäste bei der Suche nach einem Zuhause unterstützen. Umgangssprachlich ist das auch unter dem Begriff „Vermittlung“ bekannt. Wir machen es uns nicht leicht dabei: zuerst lernen wir unsere Gäste kennen, um uns ein Bild machen zu können, wie das richtige Zuhause für sie sein aussehen sollte. Anschließend führen wir lange Gespräche mit potentiellen zweibeinigen Mitbewohnern, um heraus zu finden, ob das mögliche Zuhause den Bedürfnissen unserer Gäste gerecht wird. Und zu guter Letzt müssen sich Tier und Mensch auch mögen.

Manchmal sind künftige Frauchen und Herrchen ein bisschen „vor Liebe blind“ und möchten sich passend machen, was einfach nicht passt. Dann ist es an uns aufzuzeigen, warum wir leider „nein“ sagen müssen. Ein paar Beispiele:

 

Jemand mit einem schon älteren Hund verliebt sich Hals über Kopf in einen kleinen Welpen. Absolut nachvollziehbar … aber leider in den seltensten Fällen schön für den älteren Hund. Ein Welpe bedeutet Erziehungsarbeit – übrigens auch für den schon vorhandenen Hund – und er muss durch die Pubertät manövriert werden. Im Normalfall sollte das einem älteren Hund nicht mehr zugemutet werden.

 

 

Jemand anders hat sein Herz an den verschmusten Freigänger-Kater verloren und möchte versuchen, ob die große Wohnung und viel Streicheleinheiten nicht auch in Ordnung sind.

Ich könnte noch so viele Beispiele bringen, aber ich denke Ihr versteht schon, was ich sagen will. Wir wissen, dass niemand das macht, um seinem vielleicht künftigen tierischen Mitbewohner zu schaden – wir wissen, dass da viele Emotionen im Spiel sind … aber wir wissen auch, dass es unsere Verantwortung ist, das beste Zuhause für unsere Gäste zu finden. Ein Zuhause, wo der Freigänger ein- und ausgehen kann, wo die schüchterne Katze sich zurückziehen darf und nicht bedrängt wird, wo der sportliche Hund ausgelastet wird …

Ich finde das ist schon eine ganze Menge, was da so abläuft, ehe einer unserer Gäste in ein neues Zuhause ziehen kann, aber das ist bei weitem noch nicht alles. Zieht ein Tier bei uns aus, besuchen wir es in seinem neuen Zuhause zu einem späteren Zeitpunkt nochmal, um zu sehen, ob es ihm gut geht. Das nennt sich Nachkontrolle. (Bei Hunden gibt es sogar auch eine Vorkontrolle.) … also ich mache diese Besuche übrigens nicht selber – ich ziehe hier vor Ort im Hotel alle Fäden … stellt Euch mal vor, man würde mich bei so einem Besuch mit Katzenmilch bestechen und ich könnte gar nicht mehr klar denken … nein – dafür habe ich Mitarbeiter, die gar nicht so auf Katzenmilch stehen … das ist schon besser so.

Zurück zum Thema … außerdem darf jeder, der einmal Gast bei uns war, zu uns zurück kommen, wenn es eine Notsituation gibt. Das ist natürlich nicht unser Wunsch, dass aus einem Forever Home nur ein Home wird, aber so wissen wir, dass unseren Gästen kein „Home-Hopping“ bevorsteht und sie möglicherweise willkürlich weiter gereicht werden.

 

Jetzt höre ich Euch ja förmlich fragen: „Paula, das ist doch alles tippi toppi – warum hast Du denn nun Bauchschmerzen?“

 

Ich finde das natürlich gut und richtig, dass wir es uns nicht leicht machen, für unsere Gäste ein passendes Zuhause zu finden und das macht mir auch gar keine Bauchschmerzen … was mir Bauchschmerzen macht, ist, dass ich festgestellt habe, dass für ganz viele Tiere nicht so fürsorglich gesucht wird.

 

Sein vertrautes Umfeld und seine vertrauten Menschen zu verlieren ist für ein Tier schon eine schlimme Erfahrung. Aber wenn das – aus welchen Gründen auch immer – notwendig ist, dann darf das doch bitte nicht leichtfertig passieren. Da bekomme ich Angst … da mache ich mir so große Sorgen, dass ich nicht einmal mehr an Katzenmilch denken kann.

Jetzt rege ich mich schon wieder so auf, dass ich Euch nicht einmal gesagt habe, worum es überhaupt geht … ich sehe zuhauf Hunde, Katzen, Kaninchen die „umständehalber ein neues Zuhause suchen“ auf Internet Plattformen für Kleinanzeigen oder auch in Social Media Kanälen. Ich kann mich nur wiederholen: da bekomme ich Angst – Angst um meine tierischen Artgenossen. Ich habe schon Formulierungen gelesen wie „war bisher Freigänger, würde sich aber sicher auch in einer Wohnung wohlfühlen“ – da frage ich mich: ist das so oder wird man das Tier so nur schneller los? … oder „6jährige Katzengeschwister suchen dringend neues Zuhause – auch einzeln möglich“ da fühle ich jedes einzelne Haar, das sich mir aufstellt.

Ich möchte auch nicht wissen, wie viele Hunde, mit denen ihre Besitzer überfordert waren, in andere unwissende Hände wechseln und so die Probleme wachsen und die Hunde zu Wanderpokalen werden.

 

 

Und noch weniger möchte ich wissen, wie viele Kleintiere auf diesem Weg ein kurzzeitiges „liebevolles Zuhause“ in einem Terrarium finden.

„Paula, du übertreibst – du möchtest ja nur, dass alle in Dein Hotel kommen.“ höre ich Euch schon sagen.

 

Ich finde nicht, dass ich übertreibe. Sicherlich wird es auch bei dieser Art der „Vermittlung“ Geschichten mit einem schönen Ende geben, aber das Potenzial und die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas nicht gut ausgeht ist sehr hoch. Warum wollt Ihr wissen? Das kann ich Euch sagen: Die Menschen, die auf diesem Weg ein neues Zuhause für ihre tierischen Freunde suchen, sind in irgendeiner Art von Zugzwang, d. h. in den meisten Fällen haben sie nicht endlos Zeit, ein passendes Zuhause zu suchen (abgesehen davon, dass sie auch gar nicht die Möglichkeiten wie wir haben) und so wie manche Menschen, die einem unserer Gäste ein Zuhause geben möchten „vor Liebe blind“ werden, werden Tierbesitzer in solchen Situationen „vor Not blind“ und reden sich ungeeignete Situationen passend oder drücken die Augen zu.

 

Und ja – am liebsten wäre mir, sie kämen alle in mein Hotel. Dann weiß ich nämlich, dass auf das richtige Zuhause gewartet wird und nicht die Zeit im Nacken sitzt.

 

Ich hoffe doch ganz stark, dass, nach meinem letzten Bericht, der ein oder andere Zweifler erkannt hat, dass ein Aufenthalt bei uns nicht so schlimm ist. Und ich weigere mich ganz entschieden, anzunehmen, dass die Abgabegebühr ein Hindernis für den verantwortungsvollen Tierhalter sein soll, wenn er sich von seinem tierischen Freund trennen muss. Dass dieser Abgabegebühr eine wertvolle Leistung gegenüber steht, sollte ich ja mit diesem Bericht hinreichend dargelegt haben.

 

 

Holy Moly habe ich mich jetzt aufgeregt. Das ist gar nicht gut für mich … und für Euch auch nicht. Wir müssen mit einer schönen Geschichte abschließen – oh, ich weiß eine …

Erinnert Ihr Euch an Fiona? Sie kam Ende April als Fundkatze zu uns. Wie für jeden Neuankömmling ging es auch für Fiona erst einmal in die Quarantäne. Schon bald fragten wir uns, wie wir mit Fiona umgehen und wie wir ein Zuhause für sie finden sollten – so unfreundlich war sie. Zum Beweis zeigen wir Euch jetzt hier erstmals ein bisher unveröffentlichtes Foto von Fiona … und das war keine Ausnahme …

Nach ihrem Umzug ins Katzenhaus dauerte es gar nicht lang, bis wir ein ganz neue Fiona hatten: lieb, verschmust und anhänglich. Der erste Eindruck, den sie hinterlassen hatte, war (zum Glück) vollkommen falsch. Fiona ist wirklich ein Paradebeispiel dafür, dass all unsere Gäste erst einmal ankommen müssen und wir uns dann die Zeit nehmen müssen, dass sie uns und wir sie kennen lernen.

Das gebe ich Euch heute mit auf den Weg: schaut immer mindestens zweimal hin, bevor ihr Euch eine Meinung bildet und einem vorschnellen Urteil zuviel Gewicht gebt.

 

Eure Paula